Harthauer Weg 15-17-19
Naturbad mit Schweizerhäusel

Vorab:
Das Naturbad ist nicht zu verwechseln mit dem Freibad, dieses war bereits damals und ist noch heute auf der Berbisdorfer Straße 51 zu finden.

Das Einsiedler Naturbad befand sich am oberen Ende des Harthauer Weges, auf einem Gelände, welches heute die Hausgrundstücke Nr. 15, 17 und 19 umfasst.
Initiator für die Schaffung des Bades an dieser Stelle war der am 18. Februar 1886 gegründete „Naturheilverein Einsiedel e.V.“. Mit der Vereinsgründung hatte die deutschlandweit entstandene Naturheilbewegung nun auch in Einsiedel Fuß gefasst. Bereits am 7. Februar 1886 kamen 25 Männer zusammen, mit dem Ziel, einen entsprechenden Naturheilverein zu gründen. Man beschloss an diesem Tage, sich vom Landesverbandsvorsitzenden, dem Lehrer Pöschmann aus Döbeln, ein Musterstatut zu besorgen, welches dann unter dem 18. Februar eintraf. Und so wurde dann an diesem Tag die Gründung vollzogen.
Erster Vereinsvorsitzender wurde der Wirker Wilhelm Friedrich, ein im Ort geachteter Mann.
 

Schon länger war der Verein am Betrieb einer Badeanstalt in Einsiedel interessiert. Bereits 1907 sollten die “Fischermüllerteiche” an der Berbisdorfer Straße (da, wo heute das Freibad steht) ausgebaut werden. Die amtliche Genehmigung lag längst vor und man hatte sich nach jahrelangen Verhandlungen mit dem Eigentümer, dem Bauer Rößler auf einen Kaufpreis von 80 Pfennig pro m² geeinigt, als Rößler seinerseits einseitig kündigte. Er hatte erfahren, dass der Naturheilverein dem Verein “Volkshaus Eibenberg” beigetreten war.

Dann, im Jahre 1920, konnte man sich mit dem Einsiedler Kirchenvorstand über die Pachtung des Kirchteiches einigen. Die ersten beiden Jahre waren sogar pachtfrei. Nun ging es aber los. Die Vereinsmitglieder sammelten Eindrücke und Erfahrungen bei umliegenden Bädern und setzten diese Erkenntnisse beim eigenen Badbau um.
1921 wurde das Grundstück eingezäunt und 1924 ein Umkleideraum geschaffen (Postkarte links, Vorlage: Jürgen Krauß).

Verhandlungen mit dem Einsiedler Schwimmverein (Freibad) zwecks Beteiligung am Badbau scheiterten.
Dafür gelang es, ein Abkommen mit der Einsiedler Schule zu schließen, so dass die Schüler unter Aufsicht ihrer Lehrer Schwimmunterricht erhielten.
Wir sehen links eine Jungenklasse mit ihren Lehrer Max Schüppel um 1930. 200 Mark zahlte die Gemeindekasse dafür jährlich Entschädigung an den Naturheilverein.
1925 wurde ein Toilettenhäuschen gebaut und ein Brunnen getäuft. Die Erweiterung der bereits bestehenden Konzession für eine Schankwirtschaft ließ jetzt auch eine Bewirtung außerhalb des Vereins zu.
Das Einsiedler Baugeschäft M. Magnus Seifert erweiterte und vertiefte das Bad fachmännisch.
(Foto: Haus & Grund Einsiedel)

Die Mitgliederzahlen schwankten im Laufe der Zeit. 1892 verzeichnete man einen geringen Rückgang - in Erfenschlag hatte sich ein Bruderverein gegründet und einige Mitglieder traten dort ein.
1927 waren in Einsiedel 186 Mitglieder erfasst.
Seit 1925 gab es hier auch eine Frauengruppe.

Links das Foto von einem Badfest, wohl die frühen 1930er Jahre.
(Foto: Haus & Grund Einsiedel)

Foto oben: Badebetrieb um 1929, im Hintergrund das Vereinshaus “Schweizerhäusel”.
Daneben eine Aufnahme um 1930/31. Der Unterschied ist deutlich zu erkennen, die Außenanlagen mit Luftbad (Liegewiese) sind mittlerweile fertig gestellt, die Terrasse ist umzäunt.
Einen Ausblick von der Terrasse aus zeigt uns die Postkarte rechts. Diese lief postalisch als Feldpost am 6. November 1941.
(Fotos: oben Ekkehard Mühlmann, oben rechts Kurt Morgenstern, Postkarte Jürgen Krauß)

In der Öffentlichkeit organisierte der Verein Vorträge über gesunde Lebensweise und auf den eigenen Versammlungen herrschte absolutes Rauchverbot.

Politisch betätigte sich der Verein nicht, seine „Kaisertreue“, d.h. die Anhänglichkeit zur Ende 1918 untergegangenen Monarchie in Deutschland wurde aber durch immer wiederkehrende Teilnahmen an den in der Weimarer Republik so populären Kaiser-, König- und Bismarcksfeiern bewiesen.

In den 1930er Jahren sank die Anzahl der Mitglieder ständig und Anfang 1940 löste sich der Verein auf.
Wir lesen dazu in “Die Brücke”, Ausgabe März 1940: “Der Naturheilverein Einsiedel e.V., der nicht mehr lebensfähig war, hat sich aufgelöst. Sein Unterkunftshaus wurde versteigert und von der Baugenossenschaft Erfenschlag-Einsiedel erstanden, die darin künftig ihr Geschäftszimmer unterbringen will. Im übrigen soll das Grundstück in der bisherigen Weise weiter verwendet werden.”

Links das Vereinshaus im Winter 1938. Badebetrieb herrscht unerklärlicherweise zum Zeitpunkt keiner...
Der Baugenossenschaft Erfenschlag-Einsiedel gehörten übrigens ein Großteil der unterhalb des Naturbades liegenden Siedlungshäuser.
(Foto: Gabriele Hähle)

Bei den verheerenden Bombenangriffen im Winter 1945 wurde das Schweizerhäusel stark zerstört.
Der letzte Besitzer der Gaststätte, ein gewisser Seidel, soll von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und wegen angeblicher Spionage erschossen worden sein.

Später wurde das recht große Grundstück verkauft. Auf den Resten der Gaststätte wurde ein Wohnhaus errichtet, rechts eine Aufnahme desselben aus dem Jahre 1963.

Das vormalige Naturbad am 26. September 2004 (oben) und am 30. April 2006 (oben rechts).
Der Teich ist in seinen Ausgangszustand zurück gekehrt, so wie damals alles begann.
Jetzt ist dieser nur noch Natur, ohne -bad. Ein kleiner Besatz Fische und Enten fühlen sich hier wohl.

Das Grundstück wurde von den Erben der Käufer nach dem Krieg geteilt. Daher auch die drei Hausnummer für das Areal.
Rechts ein Foto vom 27. Dezember 2009. Wir schauen vom Feld aus: In der Bildmitte die Nr. 17, das ehemalige Schweizerhäusel, dahinter (nicht sichtbar) die Nr. 19 und am rechten Bildrand das Ende der 1990er Jahre errichtete Einfamilienhaus mit der Nr. 15.

Gegenüber des Grundstückes beginnt heute die Straße “Am Naturbad”.

Ich danke an dieser Stelle Ingobert Rost, dessen Recherchen und Niederschriften sehr viel zu dieser Seite beisteuerten.

 

 

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